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Im offenen Dialog Vertrauen erworben

Die Sozialtherapeutischen Gemeinschaften in Weckelweiler verabschieden Vorstandsmitglied Prof. Dr. Steffen Koolmann mit viel Beifall.

Er habe sich am Ende seines Berufslebens eine schlichte Verabschiedung gewünscht, erklärte Steffen Koolmanns Kollegin Petra Bittinger zur Begrüßung und fügte hinzu: „Wir hätten hier auch ein großes Feuerwerk für dich gezündet.“ Und damit bat sie Aufsichtsratsmitglied Dieter Einhäuser für einen Rückblick auf neun Jahre mit Steffen Koolmann auf die Bühne im Saal.

Der enterte sie mit einem „Steffen, das war‘s“ und blickte auf die Zeit vor neun Jahren, und wie er auf der Suche nach einem neuen Vorstand erstmals auf einer Motorradtour im Elsass auf Steffen Koolmann gekommen sei: Er habe jemand haben wollen, der von außen komme und sich kaufmännisch einbringen könne.

Nach einem Studium der Volkswirtschaft an der Universität in Frankfurt am Main sei der gebürtige Hesse zwischen 1992 und 2004 Geschäftsführer an der Rudolf-Steiner-Schule in Nürnberg gewesen und des Weiteren auch Prokurist der GLS Gemeinschaftsbank Bochum sowie Kanzler der Alanus Hochschule Alfter/ Bonn. Ab 2005 war er selbstständig als Unternehmensberater und Gutachter tätig und zwischen 2008 und 2017 Lehrstuhlinhaber für Ökonomie und Gesellschaft an der Alanus Hochschule.

Keine leichte Entscheidung

Dann kam Einhäusers Angebot, und Koolmann habe, so das Aufsichtsratsmitglied, erst einmal überlegt. In der Zeit war Einhäuser weiter auf Vorstandssuche und fand Petra Bittinger, die am Landratsamt Rems-Murr als Sozialdezernentin arbeitete. Beim Glockenturm in Weckelweiler habe er nach Koolmanns Zusage beide erstmals zusammengebracht.

Einhäuser schilderte die Ausgangslage für das Vorstandsgespann 2017. Die Gemeinschaften in Weckelweiler hätten sich in einem „bitteren Zustand“ befunden. Die Behörden seien nicht gut auf sie zu sprechen gewesen. Auch unter Mitarbeitenden habe „kein gutes Miteinander“ geherrscht.

Er habe sich von dem Vorstandsduo nicht nur neuen Schwung, sondern auch neue Inhalte erhofft, „sowohl auf der spirituellen als auch auf der ökonomischen als auch auf der menschlichen Seite“. Das Zusammentreffen sei schließlich in guter Stimmung verlaufen.

Im Wechsel mit Bittinger zeigte Einhäuser dann die weitere Zeit bis heute auf. Petra Bittinger wies darauf hin, dass man sich „auch mal gefetzt“ habe bei Entscheidungen: „Das gehört dazu.“ Aber man habe nach außen ein „einmütiges Bild“ abgegeben.

In den Gemeinschaften seien sie erst einmal auf Skepsis und Misstrauen gestoßen: „Ein Professor und eine Beamtin, die sind nur auf Durchreise, hieß es.“ Beide lebten dann in Weckelweiler und hätten den „offenen Dialog gepflegt“. Man habe sich auch kritischem Dialog nicht verschlossen. Und man habe den Gründungsgedanken immer im Blick gehabt.

Das Erste, was sie erlebten, war der Anruf des Wirtschaftsprüfers. Die Insolvenz habe im Raum gestanden: „Es sah wirklich schwierig aus.“ Ein Minus von zwei Millionen Euro war 2016 erwirtschaftet worden. Ein Jahr später lag es immer noch bei einer halben Million Euro. Bis 2019 war dann ein Anstieg auf ein Plus von eineinhalb Millionen Euro gelungen.

Große Entscheidungen hätten, so Bittinger, angestanden: Was mache man mit dem Standort Brettachhöhe? „Ganz schön ordentlich“ investiert habe man dort, so Einhäuser: „Das war uns so wertvoll, die Brettachhöhe zu erhalten.“ Behalten, entwickeln und etwas Gutes daraus machen, sei die Devise gewesen.

Das habe, so Bittinger, zwischen drei und dreieinhalb Millionen Euro gekostet. Im Mai 2019 habe man das Baugesuch für die Brettachhöhe unterschrieben. Da müsse „ein frischer Wind“ durch die Gebäude gehen, habe Steffen Koolmann gemeint. 2019 habe man das 60-jährige Bestehen der Gemeinschaften „mit einer tollen Party“ gefeiert. Das Vorstandsduo habe „immer gebaut“, so Einhäuser. „Steffen liebt‘s zu bauen“, entgegnete Bittinger. Da habe es die Kulturscheune gegeben, später auch den Neubau des Bildungshauses und die Erweiterung der Gärtnerei bei gleichzeitiger Auflösung der Außenstelle Amlishagen. Und die Erweiterung und Erneuerung des Fuhrparks sei auch „Chefsache“ gewesen. Insgesamt sei es gelungen, die Sozialtherapeutischen Gemeinschaften zu einem „modernen Sozialunternehmen“ zu transformieren, so Petra Bittinger anhand des Vergleichs von altem und neuem Logo.

Herzliche Verbindungen

Es sei „von Anfang wunderbar“ gewesen, meinte Koolmann schließlich, der angesichts der vielen Gäste zur Verabschiedung gerührt war. Das Vertrauen in ihn sei ganz wichtig gewesen: als Mensch, in seine Kompetenz und seine Methoden. „Was für ein großartiges Geschenk!“ Viele seien ihm ans Herz gewachsen.

Er sehe sich als Sozialökonom, und Weckelweiler sei für ihn in den vergangenen neun Jahren eine „Heimstatt“ gewesen, sagte Koolmann. Er verlasse Weckelweiler nicht, sondern er übergebe nur die Verantwortung. „Heute endet mein 40-jähriges Berufsleben.“ Der Saal spendete viel und lange Beifall – und Steffen Koolmann übergab danach noch seinen Schlüssel an seinen Nachfolger Sebastian Karg, ehe er schließlich die Abschiedstorte anschnitt.

Text: Ralf Snuwara